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Ein Labor auf hoher See

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2023

Die internationale Hilfsorganisation Mercy Ships hilft jährlich Tausenden Menschen, indem sie kostenlos an Bord behandelt werden. Lara Underhill ist als Laborleiterin auf hoher See im Einsatz – ein Einblick in ihren Alltag auf der „Global Mercy“

 

Eines Abends im US-amerikanischen Bezirk New Kent, Virginia: Die 35-jährige Lara Underhill legt einen großen Koffer auf ihr Bett. Was brauche ich wirklich, um mich ein Jahr an Bord der „Global Mercy“ wohlzufühlen?, fragt sie sich und greift kurzerhand nach ihren Lieblingsklamotten. Nur noch zwei Stunden bis zu ihrem Abschiedsessen und schon am nächsten Morgen sollte es mit dem Flugzeug von Washington, D. C., nach Dakar gehen. Auf die kommenden Monate hatte sich die erfahrene Laborwissenschaftlerin schon lange vorbereitet. Sie kann es kaum erwarten, dass es endlich losgeht!

Die Heimat in der Ferne

Im Hafenbecken der senegalesischen Hauptstadt fällt die „Global Mercy“ inmitten von Industriekränen, bunten Transportcontainern und hohen Betriebsgebäuden sofort ins Auge. Mit zwölf Decks, einer 7.000 Quadratmeter großen Krankenstation, sechs Operationssälen, einer Radiologie, einer Intensivstation sowie einem großen diagnostischen Labor bietet das größte zivile Hospitalschiff der Welt ausreichend Platz, um 200 Patientinnen und Patienten stationär zu behandeln. Lara Underhill ist nicht das erste Mal für Mercy Ships im Einsatz. Bereits im vergangenen Jahr hat sie das Labor auf dem kleineren Schiff, der „African Mercy“, geleitet. Als sie die Treppe zum Deck hinaufgeht, fühlt es sich fast wie nach Hause kommen an. „Die Crew entwickelt sich über die gemeinsame Zeit zu einer Art Familie“, berichtet sie.

Es war eigentlich ein Zufall, durch den die Laborwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Hämatologie ursprünglich auf die Organisation aufmerksam wurde. „Ich habe lange als Ausbilderin an einer Universität in New Kent gearbeitet.“ Sie erzählt, wie ein ehemaliger Schüler, den sie eines Tages wiedertraf, ganz begeistert von seiner Zeit auf einem Mercy-Ships-Schiff erzählte. „Da war mir sofort klar, dass ich das auch erleben möchte“, erinnert sie sich. Lara entschied sich dafür, zunächst ihr Erfahrungsspektrum zu erweitern, und arbeitete mehrere Jahre in dem Labor einer Traumastation sowie in dem einer Rehabilitationsklinik. Dann, zehn Jahre später, schickte sie ihre Bewerbung an Mercy Ships raus. „Seit Januar 2022 bin ich nun dabei und lerne immer wieder ganz neue Dinge, die mir anderswo nie begegnet wären.“ Sie schwärmt: „Ich liebe es einfach, mit Menschen aus allen Ländern der Welt im Team an einem Strang zu ziehen.“ Denn dadurch, dass ausnahmslos jeder an Bord ehrenamtlich tätig ist, ginge es eben nicht um Geld, Macht oder die große Karriere, betont sie. Was die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbindet, sei im Gegenteil schlicht die Freude am Helfen. „Bei jedem Einzelnen ist eine große Leidenschaft dafür spürbar, seine Fähigkeiten zum Nutzen der Menschen einzusetzen. Dadurch haben wir hier einen Zusammenhalt und eine Atmosphäre, die einzigartig sind.“

Alltag fernab von Routine

Am ersten Tag an Bord klingelt Laras Wecker um sieben Uhr morgens. Nach einem gemeinsamen Frühstück mit der Crew zieht sie ihren Laborkittel über und startet in den ersten Arbeitstag an Bord. Dieser beginnt um 8.15 Uhr damit, dass sich das Laborteam zusammensetzt und bespricht, was es am Tag zu tun gibt. Neben Lara gehören noch drei MTLs dazu: Helen (28) aus Australien, Vicky (42) aus Südafrika und Jonathan (36) aus Frankreich. Als Erstes wird der Operationsplan gecheckt, geprüft, ob Blutprodukte fehlen, und anschließend stehen Qualitätskontrollen aller Analysesysteme auf dem Plan, bevor das eigentliche Tagesgeschäft beginnt. „Es werden hier viele sehr junge Patienten und Kinder behandelt“, berichtet Lara, die es als sinnstiftend beschreibt, zu beobachten, wie sehr sich die Lebensqualität der Behandelten nach vielen Eingriffen verbessert. „Einen größeren Lohn kann man für seine Arbeit gar nicht bekommen“, wiederholt die Ehrenamtliche.

Unter den Patientinnen und Patienten seien viele Menschen mit Deformierungen der Extremitäten, Tumoren im Kopfbereich, angeborenen Fehlbildungen wie Lippen-Kiefer-Gaumenspalte oder schweren Verbrennungen. „Wir nehmen auch Operationen der Augen vor und führen diverse Eingriffe aus dem Bereich Frauengesundheit durch“, ergänzt die Laborexpertin und erklärt, dass es außerdem zum Konzept der Hilfsorganisation gehöre, ihr Skill-Set stets auf die Bedürfnisse des jeweiligen Landes anzupassen. „Es kann also sein, dass wir unser Angebot erweitern, wenn sich im Gespräch mit Regierungen ein spezifischer Bedarf ergibt.“ Da nur wenige Patientinnen und Patienten Englisch sprechen können, werden Senegalesinnen und Senegalesen an Bord zum Übersetzen angestellt. „Dadurch bekommen wir an Bord auch die Chance, viel über die lokale Kultur zu lernen, weil es eben Landsleute gibt, die wir alles fragen können.“

Das Analysespektrum an Bord ist sehr umfangreich: Neue Patientinnen und Patienten werden routinemäßig direkt nach der Ankunft auf HIV getestet. Bei Bedarf erfolgt zusätzlich ein Screening auf Malaria, Hepatitis B und C sowie Syphilis. Darüber hinaus bestimmen Lara und ihr Team weitere 35 Parameter: „Wir haben verschiedene Analyser für die Erstellung von Blutbildern und für die Klinische Chemie. Wie werten Abstriche mikrobiologisch aus oder prüfen, ob Antibiotikaresistenzen vorliegen. Wir führen Blood Banking durch und PCR-­Analysen, beispielsweise für Covid-Messungen.“ Zusätzlich gebe es kleinere POCT-Geräte für Hämoglobin, Blutgas und Infektionskrankheiten, die die Krankenschwestern selbst bedienen können. Insgesamt werden so rund 100 bis 150 Analysen aller Art durchgeführt. Was die Bereitstellung von Blutprodukten angeht, hat sich die Crew auf das Naheliegendste geeinigt: „Jeder, der an Bord beschäftigt ist, ist gleichzeitig Blutspender“, bestätigt Lara und versichert, dass sich mithilfe der 800 Besatzungsmitglieder immer ein passender Match finden ließe.

Die größte Herausforderung sei es oft, an die nötigen Reagenzien zu kommen. Die US-Amerikanerin hofft deshalb zukünftig auf eine bessere Infrastruktur sowie neue Partnerschaften zu Reagenzien-Herstellern. Bisher bestünde bereits ein sehr guter Kontakt zu Laboren in Senegal, die teilweise Mercy-Ships-Proben auswerten, wenn es sich um Analysen handelt, die an Bord nicht durchgeführt werden können. „Es wäre auch beruhigend zu wissen, dass lokale Labore im Land auch dann mit Reagenzien versorgt bleiben, wenn wir wieder abreisen“, sagt sie und ergänzt, dass diese Partnerlabore wiederum gut mit Paris vernetzt seien und teilweise Proben sogar bis nach Frankreich schicken, um diese dort auswerten zu lassen.

MercyShips: die Gründungsgeschichte

45 Jahre ist es mittlerweile her, dass der US-Amerikaner Don Stephens sein Herzensprojekt, die gemeinnützige Hilfsorganisation Mercy Ships, mit dem Kauf eines ersten Schiffes in die Tat umsetzte. Eigentlich begann alles schon viel früher:

Stephens war 19 Jahre alt, als er 1964 während eines Aufenthalts auf den Bahamas miterlebte, wie ein Hurrikan die Hauptstadt Nassau verwüstete. Auch als er in den 70er-Jahren mit seiner Familie in der Schweiz lebte, konnte er das Ereignis nicht vergessen. Was wäre, wenn ein Hospitalschiff an diesem Tag in Nassau angelegt hätte?, fragte er sich.

Als prägende Ereignisse folgten – 1976 gebar seine Frau das dritte Kind mit einer Schwerbehinderung, 1977 besuchte Stephens Mutter Teresa in Kalkutta –, stand sein Entschluss endgültig fest und er gründete kurz darauf Mercy Ships.

Die Bilanz: Bis heute hat seine Organisation ausschließlich mithilfe ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr als 1,2 Millionen Menschen an der westafrikanischen Küste behandelt.

Allein in der ersten Hälfte des Jahres 2023 arbeiteten mehr als 1.100 Ehrenamtliche an Bord des neuen Schiffs „Global Mercy“ – dem größten zivilen Hospitalschiff der Welt. Übrigens seien auch die Geräte in den Operationssälen sowie im Labor größtenteils Sachspenden.

mercyships.de/ueber-uns/mercy-ships-geschichte

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesucht

Wer Lust hat, selbst für eine Zeit auf einem Mercy-Ship-Hospitalschiff mitzuarbeiten, der oder die kann sich in der internationalen Stellenbörse nach passenden Jobangeboten umschauen. Für MTLs genügen eine abgeschlossene Ausbildung sowie zwei Jahre praktische Erfahrung in einem klinischen Labor.

https://opportunities.mercyships.org

 

Summary

  • Die „Global Mercy“ ist das größte zivile Hospitalschiff der Welt und es werden darauf bis zu 200 Menschen kostenlos stationär versorgt
  • Über die Erfahrungen einer US-amerikanischen MTL, die an Bord des Schiffes das Labor leitet
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