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Gemeinsam gegen antimikrobielle Resistenzen

XTRA-ARTIKEL AUSGABE 2/2021

 

Die WHO hat antimikrobielle Resistenzen (AMR) als eine der Top Ten der globalen Herausforderungen eingestuft. Aufklärung und internationale Zusammenarbeit sind nötig, um eine rasante Verschlechterung der Situation zu verhindern

Text: Manuela Nehrke

Wenn sich Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten weiterentwickeln und dadurch nicht mehr durch antimikrobielle Substanzen bekämpft werden können, treten antimikrobielle Resistenzen (AMR) auf. Die Ausbildung von Resistenzen ist ein natürlicher Verlauf, der beispielsweise durch das falsche oder das zu häufige Einnehmen des gleichen Antibiotikums beschleunigt wird.

In der Folge sind bakterielle Infektionen wie Harnwegsinfekte, Sepsis, Lungenentzündungen und Tuberkulose immer schwerer zu heilen, diese verbreiten sich somit leichter und können zu ernsteren Erkrankungen oder sogar zum Tod führen. Das bedeutet wiederum höhere Kosten im Gesundheitswesen durch verlängerte Krankenhausaufenthalte der Patienten und teurere Medikamente als Alternative zu Antibiotika.

Die Ausbildung von Resistenzen steigt kontinuierlich und ist längst zu einem globalen Problem geworden. Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr rund Menschen weltweit an Infektionen, gegen die keine Antibiotika mehr wirken. Ohne geeignete und sofortige Maßnahmen wird die Anzahl der Sterbefälle aufgrund von Antibiotikaresistenzen bis 2050 die Anzahl der Krebstoten übersteigen [1].

Antimicrobial Stewardship

Die Weltgesundheitsorganisation WHO fordert den zielgerichteten Einsatz von Antibiotika, „Antimicrobial Stewardship“ genannt, und damit eine Reduktion des Antibiotikaeinsatzes. Die Arzneimittel dürfen nur verschrieben werden, wenn sie nach bestehenden Richtlinien notwendig sind, und Patienten müssen über die richtige Anwendung und die Gefahren einer falschen Dosierung aufgeklärt werden. Die Gesundheitsindustrie steht damit in der Verantwortung, neue Antibiotika zu entwickeln, die jene ablösen können, für die bereits Resistenzen entstanden sind, sowie in die Forschung und Entwicklung von Impfstoffen und Diagnostika zu investieren. Denn präzisere Diagnostik und fundierte klinische Entscheidungen können zu einem vernünftigeren Einsatz von Antibiotika beitragen.

Internationale Zusammenarbeit

Die Weltgesundheitsorganisation veröffentlichte 2015 einen globalen Aktionsplan mit fünf Zielen:

  1. 1. Bewusstsein und Verständnis verbessern
  2. 2. Wissen stärken und Forschungsdaten untermauern
  3. 3. Infektionen durch Hygienemaßnahmen reduzieren
  4. 4. Antibiotikaeinsatz in der Tier- und Humanmedizin optimieren
  5. 5. In neue Arzneien, Diagnostik und Impfstoffe investieren

Dafür rief die WHO das Global Antimicrobial Resistance and Use Surveillance System (GLASS) ins Leben. Mit diesem IT-System sind das Sammeln, die Analyse sowie das Teilen von Daten auf globaler Ebene und damit eine standardisierte AMR-Überwachung möglich. Außerdem gründete die WHO zusammen mit der Initiative Drugs for Neglected Disease initiative (DNDi) die Globale Antibiotika Forschungs- und Entwicklungs-Partnerschaft (GARDP), eine gemeinnützige Initiative, die Forschung und Entwicklung für die Verbesserung bestehender und die Entwicklung neuer Antibiotika fördert.

AMR Awareness Week

Entscheidend für eine Kontrolle von AMR sind eine internationale Zusammenarbeit, der Austausch von Fachwissen und das Teilen von Ressourcen. Seit 2015 ruft die WHO jährlich zur weltweiten AMR Awareness Week auf, um auf das Thema hinzuweisen – in diesem Jahr vom 18. bis 20. November. Sysmex engagiert sich seit drei Jahren im Rahmen dieser Awareness Week und macht mit der internationalen Aufklärungskampagne #AMRfighter auf das Thema aufmerksam. Aufgrund dieser Kampagne wurde Sysmex von der WHO Western Pacific im Rahmen der Aktion „Stewards for the Future“ für ihre Awareness-Aktivitäten hervorgehoben.

[1] Review on Antimicrobial Resistance (2014): Antimicrobial Resistance: Tackling a Crisis for the Health and Wealth of Nations

Summary

  • Durch antimikrobielle Resistenzen können bakterielle Infektionen immer schwieriger behandelt werden
  • Der AMR-Anstieg kann nur durch Antimicrobial Stewardship und internationale Zusammenarbeit bekämpft werden

Drei Fragen an Prof. Dr. med. Mathias Pletz

„AMR können zu einer der größten Herausforderung werden“

Prof. Dr. med. Mathias Pletz ist Facharzt für Innere Medizin, Infektiologe und Krankenhaushygieniker – und Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Jena

Welche Bedeutung haben AMR für die Medizin?

AMR können eine der größten Herausforderungen werden. Zum Gegensteuern brauchen wir fortlaufend neue Substanzen. Doch entwickelt die Industrie keine Antibiotika, weil es sich nicht lohnt. Ein Antibiotikum auf den Markt zu bringen, kostet etwa 1 Milliarde Euro. Wenn nach 2 Jahren der Patentschutz endet, sind die Entwicklungskosten noch nicht gedeckt. Man könnte Unternehmen mit einem „Voucher-System“ motivieren: Beteiligen sie sich an der Entwicklung neuer Antibiotika, wird das Patent für ein Blockbuster-Präparat verlängert.

Was können Mediziner tun, um AMR zu bekämpfen?

Antibiotika müssen wir sparsam und gezielt einsetzen. Eine interessante Rolle dabei spielen Impfungen. Gerade im Winter, wenn sich viele Patienten gegen die Grippe impfen lassen, gibt es weniger Atemwegsinfektionen und weniger Anlass, Antibiotika zu verschreiben.

Welche Verfahren und Technologien sind notwendig zur Unterstützung bei der Diagnostik?

Aktuell gibt es keine etablierte Methode, um multiresistente Erreger frühzeitig umfassend zu detektieren. Mit der PCR können wir einige Resistenzgene erkennen, etwa der Nachweis von MRSA ist zuverlässig. Bei multiresistent gramnegativen Erregern ergeben sich Resistenzen meist durch das Zusammenspiel verschiedener Mechanismen, es gibt Hunderte verschiedene antibiotika-

spaltende Enzyme, die unterschiedlich stark exprimiert werden können. Hier kommt die PCR an ihre Grenze. Die Übereinstimmung zwischen dem PCR-Ergebnis und der Standardresistenztestung ist nicht so gut, dass ich bei schweren Infektionen aufgrund des PCR-Ergebnisses eine schmalere Antibiotikatherapie wählen würde – das Risiko wäre mir zu hoch. Wir brauchen bessere Methoden. Ein zweiter Wunsch wäre das routinemäßige Messen von Antibiotikablutspiegeln auf Intensivstationen. Bei Unterdosierung drohen Therapieversagen und Resistenzentstehung, bei Überdosierung Nebenwirkungen.

 

Fotoquellen: istock, privat

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