Kann man seinen Augen immer trauen?

Eher nicht. Die Sehnerven sammeln nur Daten, was die Wahrnehmung daraus macht, ist alles andere als „objektiv“. In einem Essay weist unser Autor auf Phänomene hin, die im Umgang mit dem Thema „Färben“ wissenswert sind

Text Stephan Wilk

Gibt es nur DIE EINE WIRKLICHKEIT, die sich aus all dem, was wir sehen, hören, riechen, schmecken und ertasten zusammensetzt? Oder existieren gar so viele Wirklichkeitsauffassungen parallel mit- und nebeneinander, wie es individuelle Sichtweisen und Sinneseindrücke gibt? Wahrnehmung und Kommunikation mit der Außenwelt ohne unsere fünf Sinne ist für kaum jemanden vorstellbar, weil Kommunizieren ohne Inhalts- oder Beziehungsaspekte sinnlos erscheint. Physiologische Sinnesorgane sind in dem Fall unser Garant dafür, dass uns die notwendigen Rohdaten aus der Umwelt erreichen.

Das Hilfsmittel, dem Menschen beim Erkennen von Wahrheit oder Irrtum seit eh und je große Bedeutung beimessen, ist zweifellos die Sehfähigkeit. Sehen nimmt unter den Sinnesorganen die Spitzenposition als Datenlieferant ein und versorgt uns mit rund 80 Prozent aller Informationen aus der Umwelt, die wir anschließend im Gehirn verarbeiten, damit wir uns sicher in der Welt bewegen. Augen verfügen über die höchste Aufnahmekapazität von allen Sinnen, gefolgt vom Gehör- und vom Tastsinn. Natürlich liefern die Augen nicht Erkenntnis, das wäre ein Trugschluss.

Was macht die Faszination der „Mona Lisa“ aus?
Vorder- und Hintergrund sind aus unterschiedlichen Perspektiven gemalt

Psychologe Joseph Jastrow ist Erfinder des Kippbilds, das sowohl Hase als auch Ente zeigt. Der  Betrachter kann sich optisch für die Sicht eines der beiden Tiere entscheiden und zwischen beiden
Objekten hin und her schalten

Sinnesrezeptoren nehmen lediglich Reize wahr, eine ungeheure Menge von optischen Daten, aus denen später, nach eingehender Prüfung und Ordnung, Erkenntnis entstehen kann. Für diesen darauffolgenden Arbeitsschritt stehen uns Denken und Verstehen, außersinnliche und noch lange nicht abschließend erforschte Eigenschaften zur Verfügung.

Optische Täuschungen müssen nicht zwingend mit einer Fehlfunktion des Sehvermögens einhergehen, sondern sind im Gegenteil oft das Resultat einer besonders starken Anpassung des Auges an die Realität, was dann in der Folge zu Irritation oder Fehlinterpretation führen kann. Leonardo da Vinci, das Renaissance-Genie schlechthin, hat sich bei der formalen Konzeption seines weltbekannten Ölgemäldes „Mona Lisa“ einen solchen Trick zunutze gemacht. Er malte ein und dasselbe Bild mit zwei verschiedenen perspektivischen Fluchtpunkten. Einen bestimmte er für den landschaftlichen Hintergrund und einen für die Figur. Obwohl die meisten Menschen dies nicht auf Anhieb erkennen, scheint doch das beim Betrachter aufkommende Gefühl, dass hier etwas „nicht stimmt“, einen Teil des Mythos und der Rätselhaftigkeit dieses wohl berühmtesten Gemäldes der Welt zu begründen.

Manchmal sind  optische Täuschungen gar so hartnäckig, dass sie sich selbst dann noch halten und einprägen, wenn man bereits hinter die Fassade geblickt hat und weiß, dass es sich lediglich um eine Täuschung handelt. Die Müller-Lyer-Illusion ist so ein Fall. Betrachtet man das Bild mit den zwei horizontalen Linien, so glaubt man spontan, dass die untere Linie kürzer ist als die obere. Misst man aber die horizontalen Linien genau nach, stellt sich heraus, dass beide exakt gleich lang sind.

Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahnemann hält dafür eine spannende Erklärung bereit und unterscheidet hierfür zwei Denkmodi: ein implizites System 1, das automatisch, schnell und weitestgehend unbewusst agiert, sowie seinen Mitstreiter, das explizite, bewusst logische und  iterative System 2, das gezielt und langsamer identifiziert, verarbeitet und auf dieser Basis Entscheidungen und Planung zulässt. Die Wechselwirkung zwischen den beiden Systemen ist ein ständiger Prozess, um Aufwand zu minimieren und ein Maximum an Leistung zu erzielen. Durch die Welt zu gehen in beständiger Wachsamkeit und Hinterfragung des eigenen Denkens wäre nicht nur unpraktisch, sondern mühsam und zermürbend. Da aber der Mensch System 1 nicht an seiner automatischen Tätigkeit hindern kann, bleibt ihm nur der Kompromiss, sich auf die Situationen zu konzentrieren, in denen Irrtümer, wie in dem gezeigten Beispiel, wahrscheinlicher sind.

Die Müller-Lyer-Illusion zeigt, wie sehr das Gehirn in die Irre geführt werden kann: Zwei identisch lange Linien werden aufgrund unterschiedlicher Winkelschenkel als verschieden lang wahrgenommen

Dass Wahrnehmung aber nicht ausschließlich von der äußeren Situation, die auf die Sinnesrezeptoren einwirkt, abhängt, zeigt das Beispiel sogenannter Kippfiguren. Hier handelt es sich um einen reversiblen Wechsel der Bildwahrnehmung, während das abgebildete Objekt physisch unverändert bleibt. Was sehen Sie zuerst auf dem Bild oben links?

Die Illusion geht zurück auf den an der Harvard-Universität lehrenden Psychologen Joseph Jastrow, der diesen Enten-Hasenkopf bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die wissenschaftliche Debatte eingebracht hat. Versuchen Sie doch nun einmal, nachdem Sie die zwei Bildansichten kennen, den Primäreindruck möglichst lange zu halten oder im Gegenteil, möglichst schnell und oft zwischen Hase und Ente zu wechseln. Einer  Studie von Brugger und Brugger von der Universität Zürich aus dem Jahr 1993 zufolge hängt das Resultat auch von der Jahreszeit ab. Die zwei Psychologen haben nämlich Testpersonen bewusst an zwei verschiedenen Zeitpunkten mit der Illusion konfrontiert. Diejenigen, die an einem Ostersonntag an der Reihe waren, sahen eher einen Hasen – diejenigen, die ein halbes Jahr später befragt wurden, tendierten zur Ente.

Im Alltag jedes Menschen kommen visuelle Reize kaum zur Ruhe, und obwohl wir vor allem sehende Wesen sind, müssen Wirklichkeit und Wahrnehmung in manchen Fällen als voneinander unabhängig betrachtet werden. Die individuelle Realität aber ergibt sich aus dem erkennenden Prozess des Beobachters oder anders ausgedrückt: Wir sehen manchmal nicht das, was tatsächlich da ist, sondern das, was wir zu sehen gewohnt sind, glauben oder gar wünschen, es zu sehen.

Quellen

Schwerpunktthema "Ist Färben Glaubenssache"

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